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Österreich ist (Glyphosat)frei! - Isst Österreich Glyphosatfrei?

Gleich zu Beginn der Adventzeit flatterte in Österreich ein Brief aus Brüssel ein. Glyphosat, das öffentlich unbeliebte Pflanzenschutzmittel, darf in Österreich verboten werden. 

Ein großer Sieg für NGOs wie Greenpeace und Global 2000, die dies seit Jahren, vor allem aber seit der Einstufung als "wahrscheinlich krebserregend" der WHO zum wichtigsten Thema gemacht haben.

Liest man deren Pressemitteilungen, könnte man fast an eine Befreiung eines unterdrückten Landes von einem „Ackergift" denken.

Für den Konsumenten wird das Anwendungsverbot von Glyphosat in Österreich aber leider nichts ändern. Die Produkte aus österreichischer Landwirtschaft sind bereits seit vielen Jahren (spätestens seit dem Verbot der Sikkation) frei von Glyphosatrückständen. Importierte oder verarbeitete Produkte können weiterhin Spuren von Ampa (einer Abbaustufe von u.a. Glyphosat) enthalten. 

Die konventionelle österreichische Landwirtschaft verliert dadurch eine Anwendungshilfe, die vor allem zwei Einsatzgebiete hatte: 

  1. ein Auffangnetz, wenn etwas schief geht und man unliebsamen Pflanzen auf andere Weise nicht mehr Herr wird zum einen 
  2. und vor allem ein Mittel, das im Frühjahr zum Erosionsschutz angewendet wurde.

Dies wurde in zahlreichen Veröffentlichungen so bereits beschrieben, sämtliche Vor- und Nachteile sind zigmal durchgekaut. Ich will mich damit hier also nicht noch einmal näher beschäftigen und stelle statt dessen zum Ende dieses Eintrages einige Links ein, unter denen man sich noch einmal selbst ein Bild machen kann. Vielmehr möchte ich die Chance nutzen, das Verbot auf eine Ebene zu heben, die nicht nur die Produktion sondern auch den Markt mit einbezieht:

"Ich möchte eine Welt, in der man aus einer Toilette trinken kann, ohne Ausschlag zu kriegen!"

Nehmen wir einfach einmal an, der Wirkstoff Glyphosat wäre nicht für die "in-Verkehr-Bringung" und Anwendung in Österreich verboten worden, sondern es wäre die "in-Verkehr-Bringung" von Produkten, bei denen im Produktionsprozess Glyphosat angewendet wurde, verboten worden. 

Klingt nach keinem großem Unterschied?

Zur Erklärung: Verboten wurde der Verkauf von Glyphosat-haltigen Mitteln in Österreich und die Anwendung selbiger in Österreich ab dem 1.1.2020. Es darf also keine Gemeinde, keine ÖBB, kein Hausgartenbesitzer, kein Parkweginstandhalter, kein Landwirt mehr ein Glyphosathaltiges Produkt anwenden. Sie haben noch einige Liter davon zuhause? Nun, die bitte fachgerecht entsorgen. Welche Auswirkungen hat das auf den Spar, den REWE-Konzern, Sie als Konsumenten? De facto keine. Alle Lebensmittel bleiben wie bisher, die Produktstandards sind die selben wie vorher. Die Grenzwerte werden, auch wenn mit heutiger Technik eventuell Ampa nachgewiesen werden kann, nicht überschritten.

 

Was wäre jetzt aber, wenn man keinerlei Produkte mehr in Verkehr bringen dürfte, bei denen im Produktionsprozess  Glyphosat angewendet wurde (sei es vor der Aussaat der Kulturpflanze oder zur Sikkation, die in vielen Ländern zur rascheren Abreife durchaus noch erlaubt ist)? Also alle in Österreich verkauften Produkte nur in Bezug auf Glyphosat so produziert werden müssten, wie in unserem eigenen Land?

Dann wäre der Herr Dr. Gerhard Drexel, seines Zeichens Chef von Spar Österreich, eventuell nicht mehr so ein großer Befürworter eines Glyphosatverbotes. Seine Regale im Spar wären ziemlich leer.

Rind- oder Schweinefleisch aus dem Ausland?

In der Produktionskette sicher einmal mit genverändertem Soja gefüttert worden, darf in Österreich nicht mehr verkauft werden.

Bier?

Die Brauereien, die ausschließlich mit österreichischer Gerste und vor allem Hopfen arbeiten, muss man mit der Lupe suchen. Bei Gerste aus den nördlicheren Ländern ist Sikkation eine übliche Maßnahme, im Hopfen die Anwendung von Glyphosat zwischen den Reihen und rund um die Kultur nicht unüblich. Leider, kein Bier mehr.

Zucker?

Zucker in verarbeiteten Produkten (auch diversen Limonaden) will man ganz sicher nicht mehr haben, das kann ich Ihnen versichern.

Sojalecithin (E322)?

Oje, jetzt müssen alle, die nicht mehr so gerne selbst kochen, ganz stark sein. Kaum ein verarbeitetes Fertigprodukt kommt ohne Sojalecithin aus, Backwaren, Süßigkeiten, diverse Aufstriche? Tut mir leid, das dürfen wir leider nicht mehr verkaufen.

Baumwolle?

Ja, auch in der Baumwollproduktion ist Glyphosat recht weit verbreitet. Aber es gibt ja immer noch Bio-Baumwolle (schränkt beim H&M die Produktpalette zwar auf etwa 1% ein, macht aber nix) und Kunstfasern. 

Nur ein paar wenige Beispiele, wie umfassend sich eine Regelung der Produktion beim Import in Bezug auf Glyphosat auswirken würde. Ich denke Sie haben bereits begriffen, wie einschneidend eine solche Entscheidung für die österreichische Konsumwirtschaft wäre. 

Und die österreichische Landwirtschaft?

Die wäre ähnlich stark betroffen - näheres dazu im nächsten Absatz.

In der Landwirtschaft hätte ein derartiges Verbot vor allem Auswirkungen auf die Fütterung von Tieren, bei denen aktuell noch importierter Gen-Soja erlaubt ist. Die Eiweißversorgung in der Schweinehaltung und auch in der Rindermast ist noch zu einem großen Teil von Importen abhängig. Um hier garantiert Glyphosat-freie Ware zu bekommen, braucht es auch im österreichischen Ackerbau eine andere Eiweißstrategie. Jedenfalls wird die Fütterung wesentlich teurer, wodurch auch das fertige Produkt deutlich teurer werden würde. Nachdem die Fläche in Österreich an sich begrenzt ist, müssten dabei andere Produktionszweige reduziert werden. 

Es zeigt sich also: eine kleine Änderung im Gesetzestext hätte drastische Auswirkungen auf die österreichische Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion und letztlich auf unser Konsumverhalten.

Kein Wunder, dass dies in der Politik nicht zur Debatte steht, niemand gewinnt eine Wahl, wenn der Einkauf deutlich unbequemer wird als er war. Dann schon lieber einfach die Anwendung eines Pflanzenschutzmittels verbieten, das hat zwar praktisch ebenso viele Nachteile wie Vorteile, ist aber populär und tut letzten Endes kaum jemanden weh. Die 2 % konventionelle Landwirte in der Bevölkerung halten das schon aus. 

Vielleicht würde die Umsetzung dieses Gedankenkonstrukts ja die Lebensmittelversorgung deutlich regionaler machen, vielleicht würde es uns zu einem bewussteren Konsumverhalten zwingen. Und das nur, weil ein einziges Pflanzenschutzmittel konsequent vom Markt genommen wird. Ja, vielleicht. Aber aus genannten Gründen bleibt dies nur ein Gedankenkonstrukt.

Ich jedenfalls möchte das genauso einfordern: Die gleichen Produktionsstandards für alle in Österreich erhältlichen Produkte. Wenn ein Verbot, dann auch in den Produktionsstandards für Importe verankern.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin jederzeit bereit, so Lebensmittel zu produzieren, wie es die Mehrheit in Österreich wünscht. Wir wenden Glyphosat nur in Ausnahmefällen an, ein Verzicht trifft unseren Betrieb kaum. Trotzdem sehe ich Situationen, in denen eine Anwendung von Glyphosat den geringsten Eingriff in das Ökosystem Boden darstellen kann.

In diesem Fall ist es die Art und Weise der Entscheidungsfindung entgegen zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und Empfehlungen und die ungleiche Behandlung der heimischen Produktion, die mich persönlich dann doch etwas nachdenklich macht.

 

Zu guter Letzt noch einige Beiträge zum Thema Glyphosat - wer noch nicht genug von dem Thema hat:

 

Profil-Artikel: "Die Akte Glyphosat"

Blog Artikel aus 2016

Addendum-Artikel zum Thema Glyphosat

Gesundheitsrisiko - Einstufungen der WHO - Süddeutsche

Machbarkeitsstudie Glyphosatausstieg

Artikel über mögliche antibiotische Wirkung von Glyphosat

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Kommentare: 5
  • #1

    Moin (Donnerstag, 05 Dezember 2019 12:50)

    Sehr gut geschrieben!

    Ich hoffe in Deutschland bleibt uns das erspart, aber die Hoffnung schwindet täglich...

  • #2

    Andi B. (Freitag, 06 Dezember 2019 10:35)

    Perfekt dieser Text
    Ich hoffe all die jenigen die gegen Glyphosat ausbringung sind (NGOs,
    Crenpecace, clobal 2000
    Und all die anderen diesen Text lesen und vor allem begreifen.

  • #3

    Markus (Freitag, 06 Dezember 2019 13:04)

    Im großen und ganzen gebe ich dir recht. Ein Alleingang einzelner hat wenig bis gar keinen Sinn.
    Das der Einsatz von Glyphosat der geringste Eingriff in das Ökosystem Boden ist, ist genau so Propaganda wie es die NGO's gegen Glyphosat betreiben. Wir Wissen einfach noch zu wenig über die sehr komplexen Vorgänge im Boden, um zu behaupten das dieses oder jenes Mittelchen gut oder schlecht für die verschachtelten Systeme im Boden sind.

  • #4

    Otto (Freitag, 06 Dezember 2019 13:25)

    Die NGOs sind alle verbohrt, haben kaum ein Fachwissen.
    Betreiben in erster Linie nur Polemik, können aber nicht zu Ende denken.

  • #5

    Peter Dertschei (Montag, 09 Dezember 2019 13:11)

    Es wird mit keinem Wort auf die Bienen,bzw. Insekten-unverträglichkei Bezug genommen .

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